Günther.

"Es tut gleichmäßig weh". Diese Songzeile von Herbert Grönemeyers "Mensch" fällt mir seit einigen Tagen immer wieder ein. Wir vermissen unsere Polly sehr. Sie fehlt hier an allen Ecken und Enden. Polly war, wie mir gerade ein lieber Mensch sagte: "One in a Million." Sie lebt in uns weiter, und das tut unfassbar weh. Irgendwann stellt man fest, dass Tränen niemals ausgehen. Manchmal flennt man morgens im Bett, dann am Gemüsestand bei Rewe. Aber es wird gleichmäßiger.


Wir haben aber durch einen großen Zufall ein Schmerzmittel. Seit Freitag. Und der heißt Günther. Und hier ist die Geschichte dazu.


Am Tag des Todes von Polly rief mich ihre liebe Züchterin an. Nachdem wir 20 Minuten gar nichts sagen konnten außer zu schluchzen sagte sie mir: "Du bekommst einen neuen Parson Russel von mir. Da lasse ich nicht mit mir reden." Ich weiß das sehr zu schätzen. Aber jetzt kommt gleich ein "aber".


Als ich Polly ein paar Jahre hatte, habe ich mir mal gesagt, das sich nie wieder eine andere Rasse besitzen möchte. Daher war an diesem Tag auch klar, dass es wieder so sein wird. Unser Sohn, der in diesem Jahr auf die Welt kommt, soll keines Falls ohne Hund aufwachsen. Das ist mir sehr, sehr wichtig. Hunde tun gut. Terrier noch besser.



Liebe meines Lebens. Polly.


Dann kamen die Folgetage nach Pollys Tod. Mir wurde mit jedem dieser schmerzhaften Tage immer klarer, dass ich es nicht kann. Ich bringe es nicht über das sehr schwere Herz, nun wieder einen Hund zu holen, der mich ständig an sie erinnern wird, der zu Vergleichen einlädt. Das würde weder Polly noch dem neuen Hund gerecht werden. Ich tat mich immer schwerer mit der Sache. Und dachte, es sei vielleicht auch eine gute Idee, erst einmal das Kind etwas wachsen zu lassen und dann einen Hund zu holen.


Letzten Montag saß ich im Büro und schaute nach Hunderassen. Anja saß oben in der Wohnung und machte das gleiche. Wir schickten uns Links, Bilder und Websiten. Und ab und zu sah man mal einen Welpen zur Abgabe und dachte: "Ja, sowas, das wäre was." Keiner von uns beiden indes dachte daran, sich jetzt um einen Hund zu kümmern.


Dann kam Jack.


Da ich das Tierheim Süderstraße in Hamburg aus meiner Zeit dort sehr gut kenne, habe ich dort mal auf der Seite nachgesehen. Nur so aus Interesse. In einem Tierheim erwartet man auch keinen Welpen. Und dann schießt mir plötzlich ein Bild entgegen. Und zwar direkt ins Herz. Ich schicke den Link zu Anja und denke dabei: "Vielleicht sollte ich da mal anrufen." Der Satz war noch nicht zu Ende gedacht, da kommt Anjas Antwort: "Ruf da an."


Die Warteschleife war unendlich. Irgendwann hatte ich jemanden an der Strippe und erfuhr, dass das nicht so einfach geht. Man muss einen Bewerbungsbogen runterladen und ihn ausgefüllt zurück schicken. Sollte man ausgewählt werden, melden die sich.



Günther


Als ich den Bogen ausfüllte, dachte ich: "Das wird niemals was." Denn dort wird zum Beispiel nach der Wohnsituation gefragt. Haus mit Garten? Mietwohnung? Welcher Stock? Fahrstuhl vorhanden?

Wir leben im dritten Stock. Ohne Aufzug. Mir war klar, dass sich dort jemand mit Haus und tollem Garten melden wird. Und wir keine Chance haben. Ich scannte den Bogen also ein, schrieb eine Mail mit weiteren Infos über uns und drückte auf 'senden'. Das war Montag.


Mittwoch klingelt das Telefon. Hamburger Nummer.


"Hallo, hier ist das Tierheim Süderstraße. Wir rufen wegen Jack an. Sie können ihn haben. Kommen Sie Freitag bitte vorbei."


Ich hatte Freitag ein paar Termine und fragte, ob es auch Samstag ginge. Aber ich musste am Freitag kommen, da man sonst den Nächsten anrufen würde. Ich hatte kurz überlegt zu fragen, ob ich in 5 Minuten zurück rufen könne. Aber irgendwas in mir hat mich davon abgehalten. Stattdessen entschied ich, zuzusagen und die Termine zu verschieben. Das war eine gute Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. Also sagte ich zu. Und wir fuhren hin. Morgens um 7.


Jack, den wir nun in Günther umbenannt haben (weil er ein echter Günther ist), ist ein Zufall. Seine Mudder (er ist Hamburger, deshalb auf hamburgisch) wurde im Herbst gefunden und im Tierheim abgegeben. Sie ist ein reinrassiger Yorkshire-Terrier. Ihre Zeit im Tierheim dauerte nicht lang, da sie (natürlich) schnell vermittelt wurde. Muddi hat es sich im Tierheim mit den Herren dort offenbar sehr gut gehen lassen, denn die Familie stellte kurz darauf fest, dass Muddi dicker wurde und die Zitzen wachsen. Wer Vaddern ist, weiß keiner. Es kommen wohl einige der Herren in Frage.

Also bekam Muddi drei Welpen, wovon einer direkt und die anderen beiden über das Tierheim vermittelt wurden. Sowas passiert super selten. Jacks Bruder William war weiß. Der kam wegen der Ähnlichkeit zum geliebten Pollinger nicht in Frage.



Hamburger Jung


Als wir am Freitag früh in Hamburg ankamen, erfuhren wir auch gleich, dass wir unfassbares Glück hatten. Wir waren auf Platz drei der Liste. Eins und zwei gingen nicht ans Telefon. Als man mich anrief, rief Sekunden später Nummer zwei zurück. Da hatte ich jedoch schon zugesagt. Hätte ich das mit dem Rückruf gemacht, wäre er weg gewesen. Es müssen unglaublich viele Bewerber gewesen sein. Ich weiß keine Zahl, tippe aber auf dreistellig.


Nun ist er bei uns. Er fühlt sich super wohl. Nach einem für ihn sehr anstrengenden Abholtag, an dem er bei uns seinen Kennel nicht mehr verließ, erkundet er nun die Welt. Und Günther ist ein sehr, sehr spaßiger Hund, der unseren Humor sichtbar versteht und der sehr, sehr schlau ist. Und für einen Welpen in seinem Alter körperlich sehr weit. Er kann schon auf zwei Hinterbeinen stehen (!) und klettert bereits über ein Kissen aufs Sofa (!!!). Hatte ich so auch noch nicht.


Günni wird etwas größer. Er wiegt bereits 3 Kilo und seine Beine und Pfoten sind ziemlich dick. Ich schätze, er wird hochbeinig und so auf die 10 Kilo kommen. Kann mich aber auch irren.


Eines, das weiß ich jetzt schon: Der ist sehr einfach zu erziehen, weil sehr, sehr wach und beobachtend. Er reagiert sehr gut auf "Nein!" und schnallt bereits, was ich beim Leinentraining von ihm will. Auf "Günther" reagiert er seit dem zweiten Tag und kommt, wenn man ihn ruft, im irren Tempo durch die Bude gerannt.


Günther tut uns sehr, sehr gut. Wir haben uns in in reinverliebt. Er macht Spaß und wir freuen uns drauf, ihm ein schönes Leben zu ermöglichen. Heute wird er das Boot kennen lernen. Mit Hundeparty im Cockpit. Er liebt schmusen. Und riecht wie ein Kuchen.



Anja und Günni. Finden sich glaube ich ein bisschen symphatisch.


Man sagt, neue Hunde werden immer von den alten Hunden gebracht. Das alles war kein Zufall und ich weiß, Polly würde ihn in der Wohnung zur Schnecke machen, ihn aber dennoch dufte finden. Weil er etwas schüchtern ist, gleichzeitig das Auge des Tigers hat. Es wäre in Pollys Sinn. Sie würde sowieso sagen, dass es eine Schande wäre, wenn wir keinen Hund haben. Sie hat ihn uns gebracht, hundert pro.


Danke, Polly.




Den Blick nach vorn. Ein Segler.








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