Bücher selbst schreiben? Erfahrungen über das Self-Publishing. Teil 1.


Prolog


Irgendeine Messe. Ich stehe nach einem von drei Vorträgen an diesem Tag an einem Stehpult und signiere eine Handvoll Bücher. Ein Mann steht im Hintergrund und beobachtet mich. Als alle anderen Besucher weg sind, stellt er sich schräg hinter mich: "Das ist ja ganz lukrativ, oder? So ein bisschen rumsegeln und dann mit Büchern die fette Kohle machen." Ich dreht mich um und fragte ihn: "Was meinen Sie denn, wie viel ich an einem Buch habe?" Er nimmt ein Buch und überlegt." Hm, kostet 22,90. Ich sag mal, so 8 Euro."



Die Vorgeschichte


Ich dachte ich wusste, was mich erwartet, als ich 2012 mein erstes Buch "Digger Hamburg" schrieb. "Dachte" ist hier das entscheidende Wort. Denn als ein die erste Jahresabrechnung kam, war ich um einige Erfahrungen reicher. Zum einen wurde an diesem Tag klar, dass die Zielgruppe "Segler" noch kleiner ist, als ich mir das schon dachte. Im Verlagshaus wurde das Buch zwar gefeiert, es war ein echter Bestseller (in dem Bereich) aber die Stückzahlen, die verkauft werden, waren für mich persönlich wirklich enttäuschend. Ich wusste zwar, dass seit Jahren die Verkaufszahlen im Buchmarkt zurück gegangen sind, aber dass es so wenige sind, davon hatte ich keine Idee. Wahrscheinlich war ich naiv. Verlage können mit solchen Zahlen leben und haben sich nach und nach darauf eingestellt. Da auch die Halbwertzeit von Büchern in den Keller gegangen ist, produzieren die meisten Verlage einfach viele Titel. Und sie suchen sich zusätzlich andere Geschäftsfelder.


Was bedeutet das für den Autoren? Jeder kann sich das ausrechnen: Man bekommt einmal im Jahr eine Tantiemenzahlung, etwa 10-12% von Nettoerlös. Das sind etwas mehr als 1 Euro pro Buch. Wenn man Bücher wie "Harry Potter" schreibt, kann einem das bei über 100 Millionen verkauften Büchern völlig egal sein. Hier geht es aber um Special Interest, und da sprechen wir von Erstauflagen zwischen 2.500 und 5.000 Stück. Kaum jemand kommt über die erste Auflage hinweg. Die Beträge sind also sehr - ich nenne es mal - "überschaubar". Wenn man den Erlös in Stunden umrechnet, ist es für viele ein Minusgeschäft. Denn es ist nicht nur das Schreiben, die Meetings, die Diskussionen um den Titel etc - es ist ist auch der Aufwand, den man für die Vermarktung betreibt. Man geht auf Messen, hält dort Vorträge. Und nein - die Messen zahlen keine Honorare dafür. Sie zahlen nicht einmal die Anreise oder Übernachtung (bis auf die Magdeboot, die Vortragenden einen kleinen Betrag und die Anreise und Übernachtung zahlt). Wenn man sich ausrechnet, was zum Beispiel 9 Tage Düsseldorf insgesamt kosten, ist der Jahreserlös vom Buch durch zwei Messen wieder aufgebraucht. Bei mir ging das noch einigermaßen, weil ich sowieso auf den Messen war und meistens umsonst bei Freunden geschlafen habe. Aber für den normalen Autor ist das monetär meistens eine Null- bis Minusnummer. Auch wenn Du Deine Autorenexemplare verkaufst (man bekommt etwa 30-35% Autorenrabatt), kommst Du kaum auf einen grünen Zweig. Abgesehen davon, dass man die selbst gekauften Bücher auch loswerden muss. Es gab schon Veranstaltungen, bei denen ich mit 80 Büchern angereist bin und mit 78 nach Hause kam.


Ich habe schon immer gesagt, dass man das als Spaß sehen sollte. Geld ist sowieso nicht alles. Mir hat und macht es immer noch sehr viel Freude, Vorträge zu halten und mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Schreiben sowieso.



Schreiben, schreiben, schreiben

Der neue Weg


Im vergangenen Frühjahr 2018 habe ich deshalb begonnen, mal zum Test ein Buch selbst zu publizieren. Grund war der Titel "EinHundSegeln". Im Jahr zuvor hatte ich erheblichen Aufwand betrieben, um das Buch zu vermarkten. Die Zielgruppe "Hunde" ist riesig und hat enormes Potenzial, ein zig-faches vom Wassersport. Laut "Statista" betrug der Umsatz für Heimtierbedarf in Deutschland im Jahr 2018 6,25 Milliarden (!) Euro. Deshalb hatte ich die Hoffnung, mal ein Buch zu machen, mit dem man mal auf andere Zahlen kommt. Wahrscheinlich war auch das wieder sehr naiv.


Da ich das Potenzial des Buches erkannt habe, bin ich ständig aktiv gewesen. Ich schrieb (kostenlos) ein Essay in der Zeitschrift "Dogs" über Hunde und Abenteuer. Ich fuhr zwei Tage ins Ruhrgebiet, weil dort der TV Sender "VOX" für die Sendung "HundKatzeMaus" (erfolgreichste Tiersendung in deutschen Fernsehen) mit mir einen sehr schönen Beitrag "Segeln mit Hund" drehte - samt Hinweis aufs Buch. Der Beitrag kam im Fernsehen so gut an, dass er sogar wiederholt wurde. Zahlreiche Magazine berichteten drüber, Blogger und Online-Medien. Ich nahm also an, dass dort sehr gute Verkäufe erzielt werden können. Dass Ergebnis im zweiten Verkaufsjahr traf mich jedoch wie ein Schlag. Der Betrag, den ich für das Jahr ausgezahlt bekam, lag unter dem Betrag, den ich für die Reise ins Ruhrgebiet bezahlt habe. Leider lag das Buch im Buchhandel in den Segel-Abteilungen und nicht - wie ich immer wollte - im Bereich Hunde. Bei Segeln sucht aber kaum jemand ein Hundebuch. Kurzum - die Nummer war enttäuschend. Nicht fürs Geld, eher fürs Herz. Denn wenn man so etwas macht, dann möchte man ja auch, dass es gut ankommt und vielen Menschen Freude macht.


Ich wusste, dass mich viele Menschen gern lesen. Und mir war auch irgendwie klar, dass ein selbst publiziertes Buch sicherlich kein Totalausfall werden sollte.

Juchuu! Bestseller!

Erster Test und Umsetzung


Also nahm ich das Ganze selbst in die Hand, baute mir auf der Plattform kdp (Amazon kindle direct publishing) einen Account, öffnete Word und schrieb drauf los. Heraus kam das Hundebuch "Gespräche mit meinem Hund", ein Interview-Buch (vermutlich das Lustigste Buch, das ich je geschrieben habe) mit mir und Polly. Wie das technisch funktioniert, erkläre ich noch in einem späteren Artikel.

Dieses Buch lief auf Anhieb. Und zwar so gut, dass ich an einem Sonntagmorgen beim Hundespaziergang entschied, weiter zu machen. Die Idee, über die Dänische Südsee, die ich so gut kenne, mal einen Revierführer der anderen Art zu schreiben, schlummerte schon lange in mir. Nun also gab es die Möglichkeit und in den folgenden Wochen und Monaten schrieb ich mir die Finger wund. Ergebnis: Zwei Wochen nach der Veröffentlichung stand das Buch "Dänische Südseeperlen" auf Platz 1 der Amazon Bestseller in den Kategorien "Segeln" (klein) und "Reiseführer Dänemark" (groß!). Es lief. Und es läuft noch immer.


Jetzt, etwa 18 Monate später, bin ich eine Art kleiner Verlag. 4 größere Titel habe ich in der Zeit herausgebracht, plus ein paar Büchlein wie Meilenbuch oder das lustige Logbuch. Die Ideen für diese Bücher hatte ich schon seit langem, aber diese Schlagzahl wäre über einen Verlag nicht möglich gewesen. Auch meine erdachte Umsetzung und die Inhalte sicherlich nicht. Und die Titel laufen fast alle gut. Manche sogar sehr gut. Zwei so gut, dass ich schon bei Verkaufszahlen liegen, die bei Verlagen nicht besser gewesen wären. Das liegt zum einen dran, dass ich sie selbst zu vermarkten weiß und Amazon dann seinen Teil dazu beiträgt. Außerdem beschäftige ich mich den ganzen Tag damit und stecke sehr viel Arbeit rein. Auch wenn grad andere Jobs sehr drücken und das neue Manuskript viel Konzentration erfordert. Ohne Arbeit und Engagement wird das nichts. Ohne Freude daran erst recht nicht.



Gehört auch dazu: Auf der Post Briefe frankieren

Amazon? Die sind doch böse!


Ab und zu schreibt mir mal jemand, dass er zwar das neue Buch gern hätte, aber nicht bei Amazon kaufen würde. Auch bekam ich mal eine Mail eines Followers, der mir schrieb, dass eine Frau Buchhändlerin sei und Amazon den Buchhandel ja killen würde. Ja. Und nein. Es kommt auch auf den Händler an. Du kannst als Self-Publisher auch dem Handel die Bücher verkaufen. Und die verdienen an meinen Büchern wahrscheinlich mehr, als sie mit Verlagstiteln machen. Ich mache das ganz bewusst, weil ich den Buchhandel liebe. Amazon hat nichts dagegen. Für Autorenexemplare nehmen die nur die Druckkosten und keinerlei Prozente.

Auch für den Autoren bleibt wesentlich mehr hängen. Auch das werde ich in einem späteren Artikel mal aufdröseln. Und Amazon ist wirklich fair zu uns. Sie zahlen monatlich pünktlich aus, liefern zügig und stellen mit kdp eine unglaublich tolle Plattform zur Verfügung. Ein paar Minuten, nachdem ein Buch bestellt wird, druckt es Amazon aus und versendet es. Sogar weltweit. Ich habe schon Bücher in den USA verkauft. Man kann auch in Tokio Montags bestellen und Dienstags ist das Buch da. Es wird dann halt in Japan gedruckt.

Ich weiß: Amazon ist sicher nicht die Caritas. Aber uns Autoren behandeln die wirklich vortrefflich und fair. Das tun Verlage zwar auch, aber Amazon ist viel schneller und wendiger.


Im kdp Forum machen viele Autoren schlechte Erfahrungen mit Buchhändlern. Eine Autorin schrieb mal, dass sie der Händlerin ihres Vertrauens ihre Bücher auf Kommission angeboten hat. Die Händlerin sagte ihr nur: "Kommen sie wieder, wenn sie berühmt sind." Übrigens verkauft die Autorin über 5.000 eBooks (Liebesromane) pro Monat. Die ist schon berühmt, nur weiß die Händlerin das nicht. (Ich glaube, ich muss mal Liebesromane schreiben...)



Also, machen?


Über allem steht eine Frage, die entscheidend ist und eine Grundvorraussetzung sein muss. Man sollte sie sich ehrlich beantworten:


"Auf einer Skala von 1 - 10: Wie gern schreibe ich?"


Wenn Du Dir diese Frage mit 1-6 beantwortest, geh segeln aber schreib nicht drüber. Ab 7 wird es interessant. Und was mich angeht, ich würde da eine 10 (echt) nennen. Ich liebe es, zu schreiben!


Das Beste aber an den Büchern: Ich bekomme solch wunderbares Feedback von Lesern. Segler, die in Mommark glücklich ihren Coupon einlösen und den Hafencocktail genießen. Andere, die völlig neue Reviere entdecken oder sich inspirieren lassen. Man bekommt dann als Autor das Gefühl, Freude zu vermitteln, Menschen zu inspirieren, etwas sinnvolles zu arbeiten. Das ist wirklich das Schönste an der Sache. Geld war mir nicht so wichtig. Ich komme mit sehr wenig aus.


Schreiben, schreiben, schreiben


Es gibt auch negative Aspekte. Schreiben kann sehr anstrengend sein. Ich bin oft mal am Abend zu Hause und weiß meinen Namen kaum noch. Menschen, die schreiben, kennen das sicher. Auch wenn Du konzentriert bei der Arbeit bist, Dich in einen seit Tagen ersehnten Flow schreibst und endlich weißt, was die nächsten zehn Seiten füllt - und dann ständig das Telefon klingelt. Es kann wirklich sehr anstrengend sein. Dann passiert es, dass Bücher nicht ankommen und auf dem Postweg verschwinden. Die Ersatzlieferung bezahlt man dann natürlich selbst. Viele Kleinigkeiten, die bedacht werden sollten, kommen dazu. Auch darüber werde ich mal explizit schreiben.

Es ist auch viel Arbeit. Ist ja nicht nur das Schreiben selbst. Danach geht die Arbeit erst richtig los: Bücher signieren, frankieren, versenden, Magazine anschreiben, Listen verwalten, posten, Buchhaltung, Bestandskontrolle, bestellen, versenden, verbessern, korrigieren. Das macht niemand für Dich.

Es reicht auch nicht, den Titel bei Amazon zu veröffentlichen und darauf zu warten, dass jemand drauf klickt. Von alleine klickt da keiner. Da muss man sehr aktiv sein.





Und Verlage?


Eines muss man sich bewusst sein: Wenn Dich niemand da draußen kennt und Du niemanden erreichst, kannst Du es vergessen, selbst zu Publizieren. Denn dann erfährt keiner je von Deinem Buch. Außerdem muss man selbst sehr aktiv sein und wissen, an welchen Hebeln man ziehen muss, um ein Buch ins Laufen zu bekommen. Ich war damals, vor der ersten Veröffentlichung, bereits in der Zielgruppe sehr bekannt und habe stets sehr viele Hebel gezogen. Diese Möglichkeiten hat nicht jeder. Du brauchst auf jeden Fall jemanden, der Dich an die Hand nimmt, Dir hilft und das Buch vor allem im Markt bekannt macht.


Ich will Verlage hier auch gar nicht schlecht reden. Ohne sie würde es Amazon überhaupt nicht geben. Bisher unbekannte Autoren sollten in jedem Fall über einen Verlag gehen. J.K. Rowling hätte als Self-Publisherin nie und nimmer hunderte Millionen verkauft, wenn Sie das selbst gemacht hätte. Es wären dann vielleicht nur wenige hundert gewesen.

Aber Verlage sind in der Regel langsam und schwerfällig, in alten Strukturen denkend. Dass hat mich manchmal rasend gemacht. Ich selbst spiele auf einer Klaviatur, die ein Verlag nicht bedienen kann. Und da stelle ich wahrscheinlich zu unrecht manchmal Ansprüche, denen ein solches Unternehmen nicht gerecht werden kann. Oder um es in zwei Sätzen zu sagen: Mein Verlag hat alles richtig gemacht. Nur hat mir das nie gereicht.


Wie das bei anderen Verlagen ist, weiß ich nicht. Ich schreibe hier nur exemplarisch.



Mehr Arbeit, als man denkt

So. Das ist die Einleitung. Und von hier muss man ziemlich häufig auf neue, erklärende Wege abbiegen. Ich werde das hier in den nächsten Wochen mal machen und erklären, wie alles funktioniert, oder funktionieren kann: Schreibtechnik, Buchtechnik, Gestaltung, Marketing und natürlich auch die kdp Plattform.

Denn ich finde, die Segelszene verträgt viel mehr spannende Geschichten, die es zu lesen gibt. Und vielleicht kann ich den ein oder anderen ja dazu animieren, es selbst mal zu versuchen. Kostet auch nur Zeit (und Hirnschmalz). Man sieht auch in den Top 100 Listen immer häufiger Bücher, bei denen unter dem Punkt "Verlag" folgendes steht: Independently published. Es kann also funktionieren. Vielleicht kann ich dem ein oder anderen dabei helfen.


Wenn noch Fragen sind: Es gibt hier eine wunderbare Kommentarfunktion. Ich sammle die Fragen und mache dann einen Beitrag darüber.


Bis dahin, reinhaun!


Stephan



(Titelbild: Pixabay)





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