Self-Publishing, Teil 3. Warum Segelbücher toll sind. Und wie man sie schreibt.

Vor zwei Jahren stand ich mal auf der Bühne des "Rock the Blog", welcher immer zur Cebit (R.I.P.) statt fand. Das war das größte Bloggertreffen weltweit. Die Vorträge wurde live gestreamt und hatten teilweise unfassbar hohe Zugriffszahlen. Bevor ich dran war, schaute ich mir an den vier Bühnen ein paar Vorträge an. Da stand die internationale Blogger- und Youtuber-Szene und referierte über ihre Kanäle. Eigentlich hätte ich bereits an dieser Stelle das Weite suchen müssen, denn deren Zahlen waren beeindruckend. Da haben Mädels mit Schminktipps nach zwei Stunden mehr Besucher, als ich in 5 Jahren hatte. Und danach kommt ein popeliger Segelbuchautor und erzählt von sich und der handvoll Leute, die er erreicht. Ich mag aber sowas und bin dann mit einem schnell geänderten Vortrag auf die Bühne gestiefelt. Dort habe ich dann darüber referiert, dass es für einen Publizierenden, der im Special Interest Bereich unterwegs ist, viel einfacher ist, Leute zu erreichen. Denn die Konkurrenz ist klein und das Angebot nicht groß. Würde ich Schminktipps geben (man mag sich das nicht vorstellen) müsste ich mich gegen andere durchsetzen, die viel größer sind als ich. Keine Chance.

Einige der Besucher sprachen mich hinterher an und waren geradezu neidisch, weil sie mit ihren Techblogs und Modetipps nur ganz wenige menschen erreichen. "Fang an zu segeln", war meine Standardantwort, "das ist nämlich auch dann schön, wenn man niemanden erreicht."



Speaker auf "Rock The Blog"




Ebenso ist es im Buchbereich. Im kdp-Autoren-Forum tummeln sich viele Autoren, die teilweise echt gute Krimis schreiben. Nun sind Krimis ein riesiger Markt, aber eben auch mit sehr vielen Autoren, die sich in dem Markt tummeln. Die meisten von ihnen gehen unter. Manche wundern sich, dass sie nach 3 Monaten 4 eBooks verkauft haben. Mich wundert das nicht, denn Du musst in einer so großen Szene wirklich eine Idee haben, aufzufallen. Und viel Glück. Und wahnsinnig gutes Zeug schreiben.


Im Segelbereich ist das anders. Das Angebot ist überschaubar und Segler lesen sehr gerne übers Segeln. Ich kenne das von mir selbst: Irgendwann kennt man alle Erdmann Bücher auswendig und kann Moitessier rückwärts aufsagen. Dann will man mehr lesen. Deshalb hast Du es als Autor viel einfacher, bemerkt zu werden. Deine Zielgruppe ist zwar klein, aber dafür sieht sie dich schneller.


Klingt super? Ist es auch, allerdings kommt nun der Pferdefuß. Ich gebe mal ein Beispiel:


"Um 1100 UTC legen wir ab. Peter löst vorne die Leinen und ich die beiden Achterleinen. Dann geht es aus dem Hafen hinaus auf die Ostsee. An diesem Tag sind 4 Bft. aus westlicher Richtung. Da wir nach 080 Grad laufen wollen, passt das für uns sehr gut. Eine halbe Meile hinter dem Hafenbecken drehe ich das Boot in den Wind, setze das Rollgroß, dass ich zwei Jahre zuvor habe installieren lassen, um auch mal einhand unterwegs sein zu können, und rolle gleich danach die Genua aus. Und schon geht es mit Rauschefahrt und 5,8 Knoten voraus und die "Nordwind" wogt leicht auf dem blauen Wasser hin und her, während ich es mir im Cockpit bequem mache, weil der Autopilot das Schiff steuert. Peter macht indes Kaffee unter Deck, dazu gibt es frische Brötchen, die der Hafenmeister uns morgens früh ans Boot gebracht hat.

Am Nachmittag frischt der Wind merklich auf, weshalb wir reffen müssen, weil der Reffpunkt der "Nordwind" bei etwa 20 Knoten liegt und wir bereits 22 Konten erreicht haben. Zwei Stunden später erreichen wir das Fahrwasser und drehen auf 186 Grad ab. Da die Rinne sehr eng ist, bergen wir die Segel und motoren die restlichen 5 Seemeilen bis zum Hafen. Wir finden auch gleich eine freie Box und legen dort einwandfrei an. Fest um 1715 UTC! Heute haben wir 23 Seemeilen gemacht. Ich trage den Tag ins Logbuch ein.

Abends gehen wir noch eine Runde durch den Ort, trinken einen Sundowner an Bord und essen dann Nudeln mit Tomatensoße. Peter verschüttet ein Glas Bier auf dem Cockpittisch. Dann gehen wir schlafen."


Und? Eingeschlafen? Ich bereits, während ich das schrieb. Was ich mit diesem Text sagen will: Man sollte schon was zu erzählen haben. Und das ist für viele sehr schwer, aber eigentlich doch ganz einfach.


Es gibt zwei Regeln, die man beherzigen sollte. Die erste betrifft den Schreibstil. Als ich zum Texter ausgebildet wurde, bekam ich einen Satz mit, der sich bei mir eingebrannt hat: "Schreibe wie auf einer Postkarte an einen Freund und nicht wie in einem Brief an eine Versicherung." Exakt diesen Stil habe ich mir im Laufe vieler schreibender Jahre angewöhnt. Er hilft mir sehr weiter, macht mir Spaß und die Leute lesen das einigermaßen gern. Dieser Leitsatz dürfte es jedem etwas leichter fallen lassen, Worte so aneinander zu reihen, dass sie Spaß machen.



Segeln ist nie langweilig. Falls doch: Auch gut.


Die zweite Regel ist etwas schwieriger und erfordert entweder Kreativiät oder sehr offene Augen. "Packe Deine Geschichte in einen Rahmen. Gebe ihr entweder einen übergeordneten Inhalt oder wiederkehrende Elemente." Soll heißen: Eine Tour chronologisch von A nach B nach C und so weiter zu beschreiben, ist fast immer langweilig. Außer, es passiert jeden Tag was Aufregendes. Aber da wir uns auf Segelbooten herumtreiben, passiert ja irgendwie in den meisten Fällen nichts, außer dass man sitzt und jede halbe Stunde (wenns hoch kommt) mal an einer Leine zieht. Und wenn man sowas 30 mal oder noch öfter (je nachdem, welche Tour man beschreibt) in einem Buch auflistet, ist es das langweiligste Segelbuch der Welt. Ausnahme: Du machst eine wahnsinnig interessante Tour, wie einhand rückwärts gegen den Wind um die Welt. Für Rund Fünen reicht das nicht.

Man muss sich vor dem ersten Satz die Frage stellen, was ich mit dem Buch erzählen will, warum ich es mache, warum es für ANDERE interessant ist. Und ob der Törn überhaupt interessant ist. Falls nicht, gehts aber trotzdem. Nur anders.


Interessante Ansätze dagegen können viele Gründe haben:


- Ist es Dein erster Törn alleine? Super - schreib drüber. Über Deine Gefühle, Ängste, Fehler usw. Höre im gesamten Buch damit nicht auf.


-- Hast Du für Deinen Törn eine Auszeit genommen? Auch gut, das möchten Viele. Dass ist interessant. Nehme dieses Thema durch das gesamte Buch immer wieder auf.


- Ist Dein Boot klein, besonders groß, besonders alt, besonders schön? Das kann auch ein Grund sein, drüber zu schreiben. Aber nicht nur einmal sondern immer. Was sind die Auswirkungen, was die Besonderheiten?


Gibt es sonst irgendwelche Besonderheiten? Rein ins Buch damit. Ständig.


Bei mir zum Beispiel stand im ersten Buch das kleine Boot im Vordergrund und die Erfahrungen und Lehren, die ich daraus gezogen habe, waren der Rahmen fürs Zweite. Auch war die Auszeit und die Lebensänderung vor der Reise ein Grund, das aufzuschreiben. Ich galt dann als Downsizer. Und das Downsizing war der Rahmen für mein Buch. Er findet im Buch auch ständig statt. Statt Rahmen kann man auch "Aufhänger" sagen. Ein Grundthema, das beim Erzählen wie ein Geländer funktioniert, an dem man sich orientiert und dran festhält.



Situationen erfassen und sezieren


Was ganz wichtig ist: offene Augen. Es sind meistens die kleinen Geschichten am Wegesrand, die besonders interessant und charmant sind. Es muss nicht immer die Überfahrt von 50 Meilen bei 6 Bft. sein. Es kann auch die 10 Meilen Tingeltour bei 3-5 Knoten achterlichem Wind sein, bei der man den Motor aus Prinzip nicht nutzt. Diese und die Situationen in den Häfen und an Land muss man erkennen. Und dazu braucht man Augen, die so etwas sehen.


Hat man eine solche Situation erfasst, lohnt es sich, sie in ihre Einzelteile zu zerlegen und haargenau zu beschreiben. Ein Text ist Kino im Kopf. Und eine Szene im Film wird immer aus zig verschiedenen Positionen gedreht. Im Beispieltext oben würde es sich anbieten, die Szene, in der Peter das Bier verschüttet, in verschiedene Bilder aufzulösen und zu beschreiben. Überhaupt hätte man den ganzen Tag auf See in viele Szenen auflösen und ein echt spannendes Kapitel draus stricken können. Und wenn es nicht spannend ist, kann man auch die Langeweile und wie man damit umgeht, beschreiben.

Zurück zum verschütteten Bierglas: Wie kam es dazu? Wie reagieren alle Beteiligten? Wer macht es weg, womit und wie? Wenn man sich solche Fragen stellt, kann man herrliche Texte draus machen.


Wenn zum Beispiel man beim Einparken die Fender draußen hat und damit am Dalben hängen bleibt, passiert beispielsweise sehr viel. Das Boot bleibt hängen, es dreht die Nase, man wird vielleicht hektisch, rennt rum, versucht, die Situation zu lösen. So muss man solche Szenen auch beschreiben. Einfach schreiben: "Wir sind mit dem Fender am Dalben hängen geblieben" wird der Situation nicht gerecht. Und es ist ziemlich langweilig.



Über dieses Bild könnte ich drei Seiten schreiben: Sonnenaufgang in der Dover Strait


Ich habe so etwas mal bei einem Schauspielunterricht gelernt, um Szenen und Verhaltensweisen besser analysieren zu können. Die Aufgabe war es, ein Glas Wasser zu trinken und alles, was einem dazu einfällt, zu kommentieren. Ich nahm das Glas, sagte: "ich nehme das Glas", ich trank, sagte "ich trinke", danach: "ich schlucke das Wasser runter." Mehr fiel mir dazu nicht ein. Nachdem die Unterrichtsstunde vorbei war, wusste ich, was alles fehlte: Die Hand, die das Glas nimmt und es mit der richtigen Festigkeit hält. Die Finger, die die Kälte und die Glätte spüren. Der Arm, der es zum Mund führt, die Lippen, die das kalte Glas spüren, das Wasser, welches kalt in den Mund läuft und sich verteilt.. und so weiter und so weiter. Wenn man Szenen, in denen man sich befindet, so bewusst wahrnimmt und beobachtet, fallen einem meistens viele Dinge ein, die man dazu interessant verpacken kann.


Allerdings soll man auch nicht jede Szene so beschreiben. Die Lohnenswerten schlachtet man aus, alles andere lässt man besser auch mal ganz weg. Im Beispieltext hätte ich das mit den leinen nicht erwähnt. Es ist eh klar, dass man die leinen beim Ablegen abmacht. Wenn da nichts außergewöhnliches passiert, schreibt man es erst gar nicht auf.


Segelbücher machen ist toll!


Über allem aber, das sagte ich bereits, steht der Spaß daran. Wenn man den nicht hat, nützt das alles nichts.


Ich bin mir sicher, dass da draußen jeden Tag auf See, egal wo, tolle Geschichten passieren. Wie schön wäre es, wenn man davon mehr in Büchern lesen könnte. Ist das Buch geschrieben, ist die Umsetzung leicht. Das technische Zeugs erkläre ich noch.


Soviel für heute. Wenn Fragen sind, gern hier unten reinschreiben. Dazu müsst Ihr Euch hier einmal anmelden, aber das kostet nix und geht fix. Außerdem bekommt ihr dann mitgeteilt, wenn es hier was Neues zum Lesen gibt.








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